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Danke für einen Tag weniger

  • violettabrack
  • 14. Dez. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Kennen wir doch alle: diese Tage, die einfach nix sind. Also doch, sie sind schon was. Und zwar Scheisse. Einfach von A-Z sehr bescheiden. Und wer diese Tage nicht kennt: Glückwunsch! Du verpasst was.


Es fängt schon um Mitternacht an: schlechter Schlaf und unruhig oder wie bei mir wacht das Baby im Zweistundentackt auf. Und ich geb noch einen drauf: seit Tagen fühl ich mich nicht so ganz fit. Ich merke schon in der Nacht, wie die Halsschmerzen kommen und die Luft nicht mehr durch meine Nase kommt oder geht. Gute Voraussetzungen also für einen gelungenen Start in den Tag.


Der Morgen ist irgendwie nicht viel besser: da ist ein Gefühl von Unzufriedenheit in der Luft. Und ja, ich bin mir dem Gefühl durchaus bewusst und starte immer wieder den Versuch, das Gefühl zu drehen, an was positives zu denken, mich besser zu fühlen, die Mundwinkel einfach mal nach oben zu ziehen. Auch ohne Grund, ja. Dann steigt die Stimmung für ein paar Minuten und dann kommt der nächste Hammer.


Schlechte Nacht, wenig Schlaf und der Blick in den Spiegel heizt die schlechte Stimmung noch etwas an.


Manchmal stelle ich mir vor, wie's wäre, wenn ich einfach IMMER atemberaubend gut aussähe. Also auf Fotos oder eben im Spiegel. Ja, auch morgens, frisch aus dem Bett. Also DANN ganz besonders. Auch nach einem Minimum an Schlaf. Seit Tagen. Ganz ehrlich, also das würde schon was zu meiner täglichen Grundzufriedenheit beitragen...


Ich merke halt, wie mich die kleinsten Dinge nerven: wenn mein Mann laut atmet zum Beispiel. Oder wenn der Deckel vom Zimt, den ich über die Crèpes meiner Tochter streue, nicht auf Anhieb schön schliesst. Oder wenn die Drehtür, wo ich mein Proteinpulver rausnehme, nicht ganz zu ist, nachdem ich sie angeschupst hab. Ich könnt laut schreien!


Stattdessen atme ich. Meistens leise. Aber manchmal auch so ganz laut, um meiner ganzen Familie zu zeigen, dass ich wirklich schon am Morgen mit meinen Nerven kämpfe. Also los, fordert mich ruhig heraus!


Mein Mann und ich wechseln uns alle zwei Wochen am Samstag mit den Kindern ab. Heisst: einmal geniesse ich das Privileg, einen Tag mit unseren Kindern zu verbringen. Und den Samstag drauf hat mein mann die Ehre. Heute war "Mama-Kids-Day" - mein Mann hat also "frei". Er möchte den Tag unterwegs sein und Dinge erledigen. Schön für mich, dann mache ich heute einen chilligen Tag zuhause mit den Kids.


Aber auch er fühlt sich nicht fit. Also bleibt er zuhause und ruht sich aus.


Und weil ich ja eh schon genervt bin, setz ich nun noch einen oben drauf und packe meine beiden Kinder warm ein, "weil wir jetzt raus gehen!". Meinem Mann und allen, die fragen erkläre ich, dass ich rausgehe, damit mein Mann seine Ruhe hat, weil er ja krank ist. Wenn ich jetzt, am Abend dieses glorreichen Abends aber mit etwas Abstand die gleiche Frage gestellt bekomme, sage ich: ich geh raus, weil ich mich gerne noch etwas mehr nerven möchte und es mir drum gerne noch bisschen komplizierter mache.


Als ich nämlich draussen bin, nachdem ich schon 4 Machtkämpfe mit meiner geliebten Tochter überlebt hatte, fängt es auch noch an zu regnen. Bravo. Es ist nur Wasser. Aber ich könnte heulen. Und das mach ich auch, als wir wieder im Lift stehen, in den 3. Stock, wo ich die Regenhülle für den Kinderwagen hole.


Ich hab ein Talent dafür, mich Gefühlen, egal welcher Art, noch mehr reinzusteigern. Wenn ich traurig bin, höre ich absichtlich Musik, die mich zum weinen bringt. Oder ich schaue mir absichtlich den traurigsten Film aller Zeiten an. Wenn ich wütend bin, dann grabe ich Momente aus meiner Erinnerung aus, die mich schon damals rasend machten und diese Wut im jetzt noch immer bestätigen. Und so also auch für meinen Tag der dünnen Nerven: kommt her ihr Sachen, die mich nerven!


Der Tag ging natürlich so weiter. Ein Tag voller Höhen und Tiefen, wobei die Tiefen definitiv zahlreicher vertreten waren.


Und jetzt, um fast 22 Uhr, wenn der Tag beinahe zu Ende ist, meine Familie schläft und ich vor meinem Laptop, durch den Mund atmend, diese Zeilen schreibe, sehe ich neben mir dieses Buch liegen: "One Line A Day - A five-year memory book". Ein Buch mit 365 Tagen, wo der gleiche Tag jeweils fünf Mal pro Seite aufgelistet ist. Ich startete am 1. August 2021 damit aufzuschreiben, wofür ich an diesem Tag dankbar war. Das mache ich für jeden Tag. Und das Jahr darauf dann sehe ich am 1. August wieder, was ich 2021 geschrieben hatte und schreibe was für den 1. August 2022. Und so weiter. Mein Blick für Dinge, Gefühle, Erlebnisse und Begegnungen, für die ich dankbar bin, hat sich in all den Jahren wirklich geändert! Dafür bin ich dankbar. Haha.


Und so auch heute, als ich am Abend meine müde Tochter auf dem Arm hielt, im Lift stand und mich so im Spiegel betrachtete sagte ich zu mir: ich bin dankbar für die Erinnerung an meine eigene Kindheit, wo mich meine Eltern auch jeweils aus dem Auto auf ihren Armen in mein Bett trugen.


Da mussten sie nämlich auch immer mit dem Lift von der Tiefgarage in die Wohnung. Eine Kernerinnerung, die in mir ein Gefühl von tiefem Frieden und Geborgenheit hervorruft.


Und so sage ich mir: Auch wenn es einer dieser Tage war, von denen ich heute mehrmals laut zu mir sagte: "ich bin froh, wenn der Tag überstanden ist", gibt es IMMER auch etwas, wofür ich dankbar bin.





 
 
 

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1 Kommentar


alice_st
15. Dez. 2024

gottseidank gahts nöd nur mir eso:-)



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