Crescendo
- violettabrack
- 27. Okt.
- 5 Min. Lesezeit
Ich sitze vor meinem Laptop und frage mich grad, ob es wirklich sinnvoll ist, wenn ich diesen Artikel schreibe. Weil - Achtung! - das wird kein schöner, motivierender, kein Ach-wie-schön-ist-doch-mein-Leben-Artikel. Und ich stöhne auch kein "ich bin doch sooo dankbar für alle Erfahrungen in meinem Leben".
Nein.
Ich könnt grad einfach nur schreien. Laut. Sehr laut.
Mach ich aber nicht, weil mein Sohn gerade eingeschlafen ist. Normalerweise stelle ich den Kinderwagen, in welchem er liegt und schläft, auf die Terrasse. Nur stürmt es grad so stark, dass ich Angst hätte, es würde den ganzen Kinderwagen auseinanderreissen. Darum steht der Kinderwagen und mein Sohn nun in der Wohnung. Und darum schreie ich nicht. Also schon - aber so innerlich. Und eben nicht laut.
Ich träume ja oft, dass ich im Traum schreie. Aber es kommt kein Ton. Und ich versuche wieder zu schreien. Aber man hört nichts. Albtraum.
Meine Kinder schreien. Mal vor Freude, wenn sie Spielen, wenn sie Lachen, wenn sie etwas geschafft haben, was erst nicht funktioniert hat. Und mal aus all den anderen Gründen: Frust, Wut, Streit, Schmerzen, Ärger, Überforderung, Unsicherheit, Einsamkeit, Druck... Und jetzt erinnere ich mich grad, wie ich heute Morgen meiner Tochter sagte: "Runa, können wir bitte jetzt einfach leise sein, ja?! Ich ertrag das nicht, diesen Lärm schon am Morgen!" Ich verdreh die Augen: als ob ich Lärm zu irgendeiner anderen Tageszeit lieber hätte!
Ich frag mich grad: ist Lärm das Gleiche wie "laut sein"? Nein, ist es nicht. Weil "laut" mag ich manchmal sehr! Und jetzt muss ich doch - obwohl ich noch immer innerlich vor mich hinkoche - sogar ein bisschen schmunzeln, weil ich an diese Szene denke wenn ich Ruhe einfordere aber innerlich auf 180 bin. Ich sag dann: "psssssssscht!!", was erst ganz leise beginnt und dann aber ein solches Crescendo erfährt, dass ich mir manchmal denke: Ok, da hättest du auch einfach gleich laut sein können.
Vor zwei Monaten habe ich eine Ausbildung zur Sprecherin an der Speech Academy begonnen. Einfach weil ich Lust hatte, weil ich den Gedanken mag, meine Stimme, meine Aussprache zu trainieren, so dass ich besser, professioneller, selbstsicherer sprechen kann. Hier auf meinem Blog schreibe ich ja schon. Ich fänds aber auch echt cool, einen Podcast auf Spotify zu haben, wo ich halt über all die Themen spreche, die mich eben beschäftigen und interessieren. Und da ich ja auch Breathwork unterrichten werden, hilft es mir so oder so, wenn ich das Sprechen trainiere.
Ja, gut. Und dann hab ich mein erstes Einzelcoaching, stehe zum ersten Mal im Todstudio hinter dem Mikro. Ich realisiere sehr schnell, dass vorlesen und sprechen nicht dasselbe sind. Ich realisiere, dass es mich VERDAMMT viel Mut braucht, meine Stimme zu erheben. Ich erfahre, dass auch ich ziemlich übel riechenden Schweiss habe, wenn ich nervös bin. Und ich realisiere in diesem ersten aber vor allem dann im zweiten Einzelcoaching 4 Wochen später, dass meine Stimme (viel) zu wenig Volumen hat. Dass ich meiner Stimme (viel) zu wenig Raum gebe. Dass ich mich unsicher fühle, wenn ich meiner Stimme mehr "Wumps!" gebe bzw. geben muss.
Seit ich diese Ausbildung angefangen habe, setze ich mich mit all diesen Emotionen und Gefühlen auseinander, die eben hochkommen, wenn es darum geht, meine Stimme "lauter zu machen". Keine Sorge, ich hab jetzt nicht vor, von diesen Gefühlen zu schreiben. Da ich aber einfach angefangen habe zu schreiben, ohne Ziel, ohne Absicht, wohin diese Zeilen führen sollen, steht das jetzt halt so da.
Ich atme durch die Nase tief ein.
Und atme mit etwas Druck durch den Mund aus.
Durch meine Ausbildung zum Breathwork Facilitator (Atemtrainerin) hab ich ja so einige Atemtechniken gelernt, die ich in diesen stressigen Situationen anwenden könnte. Und ja, gestern Abend zum Beispiel hab ich - müde, genervte, gestresste und auch leicht hungrige Mama - meinen weinenden, völlig übermüdeten Sohn im Arm gehalten. Und ich sagte mir: So, Vio. Du musst jetzt erst mal deine Nerven etwas beruhigen.
Ich schloss meine Augen, atmete vier Sekunden tief durch die Nase ein und dann sanft acht Sekunden durch die Nase aus. Nach etwa zwei Minuten spürte ich bereits, wie sich mein Herzschlag verlangsamte, meine Anspannung in den Schultern nachliess. Und mein Sohn schlief. Crazy!
Nachdem ich heute Morgen schon zweimal meine Tochter, einmal meinen Sohn angeschrien, einen Ball durch die Wohnung geschmissen und eine Tür zugehauen hab, sagte ich im Lift zu meiner Tochter: Ach Runa, verzeih mir bitte, dass ich manchmal so wütend reagiere und schreie. Ich frage mich oft, was ich machen könnte, damit es nicht so weit kommt. Vielleicht hast ja du einen Tipp für mich?". Sie schaut mich an und sagt: "Also Mama, erst musst du einfach mal tief durchatmen". Ihre Antworten hauen mich immer wieder um. Ich weiss schon, warum wir ihr den 2. Namen "Athena", Göttin der Weisheit, gegeben haben...
So.
Hier sitze ich also noch immer. Im Wohnzimmer, lasse meine Finger schreiben, was mein Kopf denkt.
Ich hab noch gar nichts gefrühstückt...
Ich fühl mich viel besser als noch vor einer Stunde. Vielleicht, weil ich einfach mal geschrieben habe, ohne zu wissen, wohin das führt. Weil ich einfach meinem Impuls gefolgt bin. Ich hab meine Tochter in den Kindergarten begleitet heute morgen, im Regen und Sturm. Und auf dem Weg zurück nach Hause hatte ich viele Gedanken:
Dieser scheiss Regen!
Ich hasse diesen Sturm!
Der Regenschutz vom Kinderwagen hat ja überall Risse!
Hoffentlich ist mein Sohn eingeschlafen, bis ich zuhause bin!
Welcher Mensch ist schon gerne draussen bei dem Dreckswetter?!
ICH MÜSSTE es ja cool finden, schliesslich hatte ich doch mal bei Mammut gearbeitet - ich Outdoorgirl!
Wo bekomm ich heute eigentlich einen grossen Kürbis zum Schnitzen für Halloween her?
Ok ich renne jetzt nach Hause.
Oh Gott vielleicht muss ich doch anfangen, regelmässig zu joggen.
Mann ich bin so genervt!
Ich werde einfach schreiben.
Einen Blogbeitrage mit dem Titel "scheiss Sturm".
Oder: "ich hasse Lärm"
Ich merk grad wieder, wie sehr ich immer alles verstehen, einordnen, analysieren will. Für alles muss es einen Grund geben, eine Bedeutung, ein Fazit. Ich reflektiere, bis ich fast nicht mehr weiss, was eigentlich der Punkt war. Und gleichzeitig versuche ich, alles richtig zu machen – ruhig zu bleiben, achtsam zu sein, geduldig, liebevoll, perfekt, schlank, sportlich, sexy, lustig - mit makelloser Haut, ohne Cellulite, gesunder Ernährung - natürlich für die GANZE Familie, dies und das... Halleluja.
Und wenn ich dann schreie oder laut werde, fühl ich mich sofort schlecht. Weil ich Lärm hasse. Und Schreien für mich eben irgendwie Lärm ist. Noch. Vielleicht wandelt sich das ja noch...
Aber vielleicht geht es gar nicht immer darum, alles zu verstehen oder zu kontrollieren. Vielleicht geht es manchmal einfach darum, etwas zu machen, ohne grosse Absicht, ohne grosse Reflexion – einfach, weil es sich in dem Moment richtig anfühlt.
Und genau das hab ich jetzt gemacht.
Ich hab geschrieben. Ohne Plan.
Und ich fühl mich besser.
Vielleicht inspiriert ja genau das:
Mach einfach, was sich grad gut anfühlt.
Egal, was es ist.
Kaffee!


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