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Der strahlende Bote der Freude - Teil 1

  • violettabrack
  • 5. Mai
  • 7 Min. Lesezeit

Aktualisiert: 9. Mai

Lucian Kaio, mein geliebter Sohn. Ja, ich liebe dich. Auch wenn dein Herz gerade mal eine knappe Stunde auf dieser Erde geschlagen hat.


Seit Wochen bist du wieder sehr präsent. Gut möglich, weil gerade in dieser Zeit vor zwei Jahren für mich die mit Abstand intensivste Zeit meines bisherigen Lebens war.


In den letzten Wochen habe ich mich immer wieder gefragt, ob ich darüber schreiben soll – hier, öffentlich, in meinem Blog. Schon damals habe ich vielen von dir erzählt, von dieser Zeit, von meinen Erfahrungen und Gefühlen. Und gerade heute erzählte ich zwei Freundinnen von dir. Und genau das ist nun mein Zeichen, dass ich von dir erzählen soll.


Ich glaube nicht an Jesus. Und auch nicht an Gott. Umso verblüffender ist es für mich, dass da von der ersten Sekunde an dieses eine Lied war, dass mich in dieser ganzen Zeit begleitet hat - und zwar seit Beginn der Schwangerschaft mit meinem Sohn Lucian. Noch bevor alles schwierig wurde. Hier eine Einladung an dich, der/die das liest: höre das Lied "Worship Session - Live" von Yinka Okeleye und Sunmisola Agbebi auf Spotify, währendem du die nächsten Zeilen liest. Und höre es zu Ende. Mich berührt diese musikalische Kraft, diese Leidenschaft, die für mich so wahnsinnig stark spürbar ist! Sie löst etwas in mir aus, auch wenn ich nicht die gleichen religiösen Ansichten teile. Dieses Lied war da – leise, tröstend, kraftvoll – in den schönen Momenten, aber auch in jenen voller Zweifel, Wut und Angst. Und so musste es auch während seiner Geburt laufen. Es war, als ob dieses Lied unsere gemeinsame Sprache war – ein Band zwischen uns. Noch heute ist es meine starke Verbindung zu ihm.


Als ich mit meiner Tochter, meinem ersten Kind schwanger wurde, wusste ich es. Da war dieser eine Moment beim Sex, in dem die Zeit für einen Augenblick stillzustehen schien. Es war ganz merkwürdig und ich erinnere mich noch, wie ich in meine Augen öffnete, meinen Mann ansah und dachte: "Oh! Ok. Da kommt etwas" (wortwörtlich haha).


Bei Lucian war das nicht so.

Doch ich erinnere mich an die Zeit um Weihnachten, als ich wiedermal zu viel gegessen hatte. Ich wollte dann im neuen Jahr abnehmen. Seit der Geburt meiner Tochter fühlte ich mich ohnehin unwohl in meinem Körper. Aber wirklich aktiv und auch konstant etwas dafür - oder dagegen - zu machen, klappte nicht so wirklich. Aber eben, dann im neuen Jahr wollte ich endlich was machen. Wirklich.

Ich erinnere mich, wie ich mit meinem Vater und einem meiner Brüder in Zürich essen ging. Nach dem Training. Und ich war unglücklich. Ich fühle mich unwohl. Und wir hatten so viel geredet. Es fühlte sich so gut an, mit meinem Vater und meinem Bruder so intensiv zu reden, von Ihnen Ratschläge zu hören und uns so lange auszutauschen. Es war ungewohnt. Meistens rede ich mit meiner Mutter so intensiv. Ich ging nach Hause und war mir sicher: dieser Heisshunger kommt bestimmt daher, weil ich jetzt meine Periode bekomme! Sie kam immer auf den Tag genau. Doch sie kam nicht. Die liebe Periode. Und mir war sofort klar: "Vio, du bist schwanger." Schon an Silvester hatte ich mit Freunden gewitzelt, dass ich wieder schwanger sei. Das bestätigte dann auch der Test. Ich freute mich! Erinnere mich aber auch, dass mein erster Gedanke war: "Scheisse, das wird dann doch nichts mit meiner Diät!"


Der Anfang dieser Schwangerschaft war so, wie ich es schon von der ersten kannte: Ich fühlte mich gut, bisschen Übelkeit, bisschen sensibel bei Gerüchen, nichts Weltbewegendes. Und doch war da wirklich von Anfang an eine Unsicherheit in mir. Ich kann es gar nicht beschreiben oder in Worte fassen. Es war einfach ein Gefühl von... Zweifel. Unsicherheit, ob auch wirklich alles gut sei. Ich versuchte, dieses Gefühl einfach zu verdrängen. Ich wollte es nicht annehmen, hab es schön-geredet. Ich habe es nicht ausgesprochen, weil ich befürchtete, dass es dadurch real werden könnte.

Ich war oft krank in diesen ersten Wochen und Monaten. Bei der Blutentnahme beim Gynäkologen wurde ich ohnmächtig, musste mich danach übergeben.


Wie bei unserer Tochter wollten wir eine kleine Party veranstalten, wo wir im Kreise der Familie und Freunden vom Geschlecht des Babys erfahren würden. Meine Mutter wüsste dann als Einzige das Geschlecht und würde uns auf ihre kreative Art und Weise damit überraschen. Die Party hatten wir mal auf den 16. April 2023 gelegt. Ich wusste, dass ich zwei Tage vorher, am 14. April beim Gynäkologen einen Termin habe und ging selbstverständlich davon aus, dass er das Geschlecht sehen würde. Die Einladungen waren verschickt.


Genau eine Woche vor diesem Gender-Reveal war Ostern und mein damaliger Partner überraschte mich mit einem Heiratsantrag. Da ich schwanger war und wir wussten, dass unser Baby im September zur Welt kommen würde, wollten wir im Juli im kleinen Rahmen standesamtlich heiraten. Noch bevor ich aus allen Nähten platzen würde.

Der Termin stand schnell fest, da nicht mehr viele Daten frei waren in der Stadt Zürich, wo wir ursprünglich heiraten wollten und an dem auch unsere beiden Familien vor Ort waren.


Heute, während ich das schreibe, muss ich schmunzeln. Wie oft hatte ich schon Pläne geschmiedet, war mir ganz sicher – und dann kam doch wieder alles anders… "Alles lief nach Plan. Nur der Plan war halt scheisse" - ein Zitat, das auf einer Karte steht, die ich in meinem letzten Leben aus Berlin mitgenommen habe.


Es war also Freitag, der 14. April 2023 und natürlich spürte ich schon an diesem Morgen, dass dieses Baby sein Geschlecht nicht preisgeben möchte... "Also das Geschlecht werden wir heute leider nicht sehen. Es hat etwas wenig Fruchtwasser. Nichts, das besorgniserregend sein sollte. Ich werde sie aber direkt ins Universitätsspital verweisen. Die sollen sich das anschauen. Die haben ausgezeichnete Geräte, wo direkt alle Organe angeschaut werden können." Das waren die Worte meines Gynäkologen. Alles war ich hörte war: "Wir müssen die Party absagen, weil das blöde Baby seine Beine nicht breitmachen will!", klingt krass, ja, ich weiss. Aber das waren meine Gedanken in dem Moment. Ich war so richtig genervt! Tja. Wir verschoben die Party um einen Monat.


Als sich meine Laune am nächsten Tag dann wieder etwas stabilisiert hatte, kam doch gleich das nächste, was mich ärgerte: Was heisst, wenig Fruchtwasser? Wieso müssen diese Ärzte immer alles so genau untersuchen? Und wenn ich einfach keinen Untersuch gehabt hätte, dann hätte auch niemand eine solch blöde Aussage machen können, von wegen wenig Fruchtwasser. Vielleicht geh ich auch einfach nicht ins Unispital. Weil wenn ich erst einmal mit solchen Untersuchungen anfange, dann komm ich da nicht mehr raus.


Drei Tage später lag ich auf dieser Liege im Unispital. Ohne Begleitung. Ich mein, es gab ja nichts, was mich hätte verunsichern müssen oder wobei ich das Gefühl gehabt hätte, Unterstützung zu brauchen. Die schmieren mir jetzt von diesem kühlen Gel auf meinen Bauch, fahren mit dem Gerät drüber und untersuchen jedes kleinste Detail. Die Ärztin war sehr freundliche, stellte die üblichen Fragen, bisschen Smalltalk mit einer Schwangeren halt. Vor mir war dieser grosse Bildschirm, wo man das Ultraschallbild live sah. Sie erklärte mir auch immer, was man gerade darauf sieht. Mit viel Fantasie glaubte ich dann auch manchmal, das zu sehen, was sie sieht.

Und dann waren die Momente, wo sie nichts sagte, aber noch immer auf meinem Bauch hin und her flutschte länger. Und immer etwas länger. Und dann kam: "Ja, ich würde gerne noch den Oberarzt kommen lassen. Er soll sich das doch auch mal anschauen." Ich verdrehte heimlich die Augen. Dann soll er sich das mal anschauen kommen.

Es kam mir in dem Moment, bis der Oberarzt ins Zimmer kam auch gar nicht in den Sinn zu fragen, ob alles ok sei. Oder ob dann etwas ungewöhnlich sei. Ich lag einfach da und dachte daran, dass man sich heutzutage schon an jeder noch so klitzekleinen, nicht-der-Norm-entsprechenden Sache festbeisst. Weniger Fruchtwasser als die Norm bedeutet automatisch tausend Untersuchungen.


Der Oberartz kam rein. Ebenfalls sehr freundlich. Auch er fuhr auf meinem Bauch hin und her, kommentierte, was man gerade auf dem Bild sehe. Und dann sagte er: "Haben Sie sich schon einmal Gedanken zu Organtransplantationen bei Babys gemacht?".

Meine Antwort: "Hä?!"

Er: "Wissen Sie, ich möchte Ihnen einfach die Illusion nehmen, dass sie dieses Baby gebären und dann zu sich auf die nackte Brust legen können und kuscheln. Dieses Baby wird direkt nach der Geburt operiert werden müssen. Wenn es diese überhaupt überlebt."


Also ich Verstand auf einmal gar nichts mehr. Was ist eigentlich los?


Ich fühlte mich wie in einer dieser Prank Shows. Und da ich diese ganze Situation irgendwie so unwirklich erlebte, hatte ich wohl auch den Mut in diesem Ton zu fragen: "Also was ist eigentlich das Problem? Das klingt ja, als wäre dieses Baby nicht lebenswert! Und nein, ich habe mir noch nie Gedanken über Organtransplantation bei einem Baby gemacht".


Es war nicht nur das wenige Fruchtwasser, das auffällig war. Es gab noch 2, 3, 4, 5 weitere Auffälligkeiten. Und für mich war ganz klar: Wenn dieses Baby nicht aus eigener Kraft leben kann, sondern abhängig von fremden Organen und Maschinen ist, dann ist das in meinen Augen kein lebenswertes Leben. Ein Leben in absoluter Abhängigkeit ist das Gegenteil von dem, was ich meinem Kind schenken möchte! Das sprach ich auch aus. An dem Tag bei all den Ärzten, die im Raum waren. Da dies ein erster Untersuch war, durften die Ärzte noch keine genaueren Aussagen machen oder Urteile fällen. Dafür bräuchten sie mindestens einen weiteren Ultraschall und zwar mit einem Abstand von mindestens 2 Wochen. Und sie legten mir nahe, eine genetische Probe machen zu lassen, wo dann die ganze Genetik ins Detail untersucht würde.


Ich lief den Weg, die 20 Minuten vom Spital in unsere Wohnung zu Fuss. Auf dem Weg nach Hause, sprach ich meinem Vater eine Nachricht aufs Handy. Und ich erinnere mich an dieses leere Gefühl. Ich war nicht traurig. Nicht wütend. Ich war einfach nur… fassungslos. Konnte es nicht glauben. Nicht greifen. Nicht realisieren.

Gerade höre ich die Nachricht von damals nochmals ab. Ich hatte sogar gelacht und Aussagen gemacht wie: "Ja du kennst ja die Ärzte, sie sehen immer was, was nicht normal ist. Und ich weiss ehrlich gesagt noch nicht, wie ich mit all diesen Infos umgehen soll." An den Moment, wo ich diese Nachricht sprach, erinnere ich mich noch sehr genau. Ich weiss, wo ich da entlang lief. Die Zeit danach, bis ich in der Wohnung war, ist wie wegradiert. Ein grosses Nichts. Das nächste, an das ich mich bewusst erinnere ist, dass ich ins Kinderzimmer meiner Tochter ging, wo meine Mutter auf dem Boden sitzend mit ihr spielte. Ich schaute meine Mutter an und sie sagte zu mir: "Oh Violetta, sieht so aus, als wären da einige Baustellen bei deinem Baby."


Und dann brach ich in Tränen aus. Ich war so unglaublich traurig. Und ich fühlte mich so hilf- und machtlos wie noch nie zuvor.

 
 
 

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