Der strahlende Bote der Freude - Teil 2
- violettabrack
- 21. Dez. 2025
- 3 Min. Lesezeit
Als ich ungefähr zehn Jahre alt war, machten wir Ferien auf einem Bauernhof. Dort lebte ein junger Mann mit einer geistigen Behinderung. Eines Tages spielten wir im Heu, als er plötzlich auftauchte und mir mit einer Mistgabel hinterherrannte. Er schrie, hatte weit aufgerissene Augen, und an seinen Mundwinkeln klebte weisslicher Speichel. Ich weiss bis heute nicht, ob das vielleicht seine Art zu spielen war – aber für mich war es ein erschreckender Moment, der sich tief in mein Gedächtnis eingebrannt hat.
Ob ich schon vorher ein Unbehagen gegenüber Menschen mit geistiger Behinderung verspürte, weiss ich nicht mehr. Aber seither fühle ich mich in ihrer Nähe oft unsicher – was mir unangenehm ist, denn ich bin mir bewusst, dass dieses Gefühl irgendwie unfair ist. So, als würde mein Kopf etwas anderes wissen als mein Körper fühlt. Menschen mit geistiger Behinderung erscheinen mir unberechenbar. Und mir ist auch bewusst, dass das vielmehr mit meiner eigenen Angst als mit der Realität zu tun hat.
Auch der Film „Patch Adams“ hat mich in dieser Hinsicht geprägt. In einer Szene wird eine Frau von einem psychisch schwer gestörten Mann getötet – eine Szene, die bei mir hängen geblieben ist. Natürlich weiss ich, dass solche Darstellungen nicht verallgemeinert werden dürfen! Dennoch haben sie wohl meine Wahrnehmung beeinflusst.
Und dann nicht zu vergessen meine wirklich panische Angst vor Clowns. Mal heftiger und mal so, dass ich nicht gleich aus dem Zirkus renne, wenn in der Manege ein Clown seine Spässe treibt. Aber ja, wirklich wohl fühl ich mich nie, wenn ein Clown im Spiel ist. Auch heute noch.
Nicht sein wahres Gesicht zu zeigen. Ich glaube, das ist für mich ein Thema, das mich tief berührt, aufwühlt und auch verängstigt.
Ich sass also im Kinderzimmer meiner Tochter in der Wohnung in Zürich und weinte mir das Herz aus der Seele. Ich war wirklich in meinem Innersten erschüttert, verängstigt, unsicher und einfach unglaublich traurig. Ich, die seit Jahren Angst vor Menschen mit einer geistigen Behinderung hat, trage ein Kind in mir, das sichtliche körperliche Behinderungen zeigt. Und womöglich auch eine geistige.
Und dann kam diese klassische "Warum-Frage": Warum passiert genau mir das? Ich hatte doch eine so wundervolle erste Schwangerschaft und Geburt. Es lief alles "perfekt". Ich bin doch gesund. Beschäftige mich mit meinen Gedanken, meinen Blockaden und stelle mich meinen Traumas. Was hab ich falsch gemacht? Hatte ich mir - durch meine Angst - diese Situation herbeigeführt? Ich fühlte mich so unglaublich schuldig, weil ich dieses unangenehme Gefühl gegenüber Menschen mit einer geistigen Beeinträchtigung habe.
Meine Mutter hat mich wortwörtlich aufgefangen. Die Kraft aufrecht zu stehen war weg und meine Gedanken und Vorwürfe mir gegenüber stürzten über mir zusammen. Sie schaute mich an und sagte: "Ruf Philipp an. Geht nach draussen und redet miteinander. Ich werde Runa nehmen."
Also rief ich meinen Mann an. Er nahm ab und ich sagte nur: "Es sieht nicht gut aus Schatz. Kannst du bitte nach Hause kommen?" Eine halbe Stunde später war er in unserer Wohnung. Hatte tausend Fragen und ich brachte keinen vollständigen Satz heraus. Meine Mutter verliess die Wohnung zusammen mit unserer Tochter, um uns einen Moment zu zweit zu schenken. Sie kam zurück mit einer bunt gefärbten Blume. Sie sah aus, wie eine Regenbogenblume.
Mein Mann und ich spazierten Hand in Hand von unserer Wohnung in Zürich zum Fluss runter. Ich erinnere mich noch so gut an dieses Gefühl in mir: in meinem Kopf waren zwei Millionen Fragen, Gedanken und laute Diskussionen. Und in meinen Körper war einfach diese grosse, schmerzende Leere.
Da war diese Wut. Und diese Trauer.
Wir sassen da, nebeneinander, still. Immer wieder flossen mir Tränen übers Gesicht. Ich sah zwischen den Birken auf den Fluss. Es war Dienstag, der 18. April 2023, leicht bewölkt aber sonnig. Zwischen den Wolken strahlte das Sonnenlicht auf den Fluss, das Wasser glitzerte. Und dann spürte ich etwas in mir, das sehr klar war, als hätte ich plötzlich einen Ausweg aus einer bisher hoffnungslosen Situation gefunden:
In mir war in diesem Moment eine unumstössliche Gewissheit: ich bin nicht die Mutter eines Kindes, das nicht aus eigener Kraft, mit eigenem Willen und selbständig leben kann.

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