Der strahlende Bote der Freude - Teil 3
- violettabrack
- vor 3 Tagen
- 3 Min. Lesezeit
Warten.
Warten.
Warten.
Zwei Wochen.
Zwei Wochen - so lange dauerte es - bis ich den zweiten Ultraschall hatte.
Wenn beim ersten Ultraschall ein Befund vorlag, wie ich ihn hatte, mit "sichtlich schweren Fehlbildungen", wie ich es dann später erfuhr, durfte dennoch nichts sofort entschieden werden. Es brauchte einen zweiten Ultraschall im Abstand von mindestens zwei Wochen, um sicherzugehen, dass es sich nicht um vorübergehende Befunde handelt. Fast immer wird eine sogenannte Verlaufskontrolle verlangt, bevor irreversible Schritte erfolgen. Zudem wurde mir ein Gentest empfohlen. Der war nicht obligatorisch, könnte aber die Ursache klären, die Prognose sichern und natürlich und für uns - wie auch für das Ärzteteam - rechtliche und medizinische Sicherheit schaffen. Alles erschien mir logisch und verständlich.
Zwei Tage später war ich erneut im Universitätsspital für die Genprobe. Ich erinnere mich, wie ich die coole, lockere Vio auspackte, weil ich die Ärztin spüren lassen wollte, dass noch Hoffnung sei. Dass oftmals einfach auf die Panikdrüse gedrückt wird, obwohl noch gar keine Fakten vorlagen. Dass sich auch schwierige Situationen noch zum Guten ändern können. Dass Wunder geschehen.
Ich erzählte ihr, wie genervt ich war, als wir beim Gynäkologen vor ein paar Tagen das Geschlecht nicht sehen konnten und dann die "Baby-Shower" absagen mussten. Wir lachten alle. Ich habe ein Talent, humorvoll zu erzählen.
"Ja dann schauen wir jetzt, dass ich ihnen das Geschlecht des Babys nicht verrate. Damit sie später doch noch die Party machen können", sagte sie. Aber ich spürte ihre Unsicherheit, ihre Trauer und Hoffnungslosigkeit. "Ich möchte das Geschlecht aber gerne wissen, falls Sie es sehen. Bitte", sagte ich jetzt doch irgendwie nervös. Noch heute höre ich Ihre Stimme in meinem Kopf:
"Es isch es Büebli" ("Es ist ein Junge").
Zu dem Zeitpunkt, also beim ersten Ultraschall und auch bei der Punktion zur genetischen Abklärung, durften die Ärzte keine Prognosen stellen.
"Ja kann dieses Kind überhaupt überleben bis zur Geburt, oder stirbt es mit grosser Wahrscheinlichkeit vor dem Geburtstermin?
Besteht überhaupt die Chance, dass sich in zwei Wochen eine Blase gebildet hat?
Und noch eine Niere, die keine Zysten hat?
Und könnten diese Zysten in der einen Niere noch kleiner werden?"
Auf all diese Fragen durften die Ärzte keine Antwort geben. Auch mein Gynäkologe, der sämtliche Ergebnisse vom Unispital erhielt, war in seinen Aussagen sehr zurückhaltend.
Ich fühlte mich wie jemand, der zwischen den Welten reist. Umherirrt trifft es glaube ich besser. Wie ein Geist. Physisch da. Aber gedanklich in einem Albtraum. Ich musste abwarten. Aushalten.
Damals schrieb ich in mein Tagebuch: "Dieses Nicht-zu-wissen und nicht-entscheiden-dürfen macht mich fertig!!"
Heute weiss ich, dass ich es kaum ausgehalten habe, meiner inneren Stimme zuzuhören. Dieser Stimme, die schon von Anfang an wusste, dass dieses Mal etwas nicht stimmt. Ich habe es kaum ausgehalten, zuzugeben, dass ich mein Gefühl einfach weggedrückt hatte. Ich war nicht bereit für ein zweites Kind. Ich war mir seit der Geburt meiner Tochter so fremd, unsicher, ich hatte das Gefühl, mich noch nicht wiedergefunden zu haben, in dieser Aufgabe, dieser Rolle als Mutter. Ich war immer wieder unzufrieden. Hatte oft den Eindruck, meine Lebenslust, meinen Lebenshunger verloren zu haben. Also der "Hunger" wurde schon gestillt, aber eben über das Essen, über das Kompensieren.
Ich hatte in diesen zwei Wochen so viel geweint, wie noch nie zuvor in meinem Leben und bis heute auch noch nie danach. Ich kam nicht klar mit diesen inneren Dialogen. Die Gefühle überrollten mich. Ich hab mich natürlich oft im Alltag, vor allem für meine damals 2.5 jährige Tochter, zusammengerissen. Aber ja, meiner weisen kleinen Tochter konnte ich nichts vorspielen: sie war während dieser Zeit öfters bei meiner Mutter, ihrer Nana. Auch sie hatte in dieser Zeit viel geweint.
Eines Abends lag meine Mutter neben ihr im Bett. Plötzlich sagte sie mit ihren 2.5 Jahren: "Nana, mein Kissen ist nass, weil Tränen kommen", meine Mutter fragt sie, was denn los sei. "Weisst du, ich bin so traurig, weil meine Mama so traurig ist. Sie ist so traurig, weil das Baby nicht in ihrem Bauch bleiben möchte. Und weil ich keine grosse Schwester sein werde." Meine Mutter sagte liebevoll zu ihr: "Runa Maus, du bist die grosse Schwester, auch wenn dein kleiner Bruder in den Himmel geht. Du kannst ihm dann immer zuwinken, wenn du eine Wolke siehst, weil er auf den Wolken wohnt. Dann rufst du hoch - hallo, ich bin deine grosse Schwester, wie gehts! - Und auch deine Mama kann das dann machen". Runa lachte und nickte: "Das machen wir!"


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