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Die ersten Zeilen meines Buches

  • violettabrack
  • 4. Okt. 2024
  • 4 Min. Lesezeit

Mit 20 Jahren war ich der festen Überzeugung, einmal ein Buch zu schreiben. Meine Biografie. Es war 2007, das Jahr, in dem ich meine Matura hatte. Ich erinnere mich nicht mehr wann und wo aber ich erzählte einem Lehrer von meiner Idee. Er ermutigte mich und ich setzte mich noch am gleichen Abend an diese ersten Zeilen, die ich damals nur mit diesem Lehrer teilte...


"Wer kennt dieses Gefühl schon nicht, dieses seltsame Kribbeln im Bauch oder im Bereich unmittelbar darüber. In diesem kleinen Bereich wo sich etwas merkwürdiges abspielt wenn man die Musik hört, die man damals zum ersten Mal hörte, als man neben ihm (oder ihr) verschlafen aber glücklich die Augen öffnete...


Er war schon lange wach, konnte ehrlich gesagt die ganze Nacht nicht schlafen, weil da dieses Bedürfnis war, es wieder und wieder zu tun. Obwohl wir es in dieser Nacht schon zweimal getan hatten. Er wollte mich spüren, am liebsten ununterbrochen. Warum wir es nicht noch ein drittes Mal machten in jener Nacht, lag wohl daran, dass ich zu müde war. Der köstliche Wein, meiner Ansicht nach, wohl der köstlichste Wein, den ich je getrunken hatte, machte mich nicht nur betrunken sondern auch müde.

Im Halbschlaf hörte ich diese Musik von Jack Johnson. Es war Morgen. Ich atmete tief ein und gab diesen kleinen, leisen Seufzer von mir, den sicher alle, die dieses Buch lesen, schon einmal von sich gaben. Meine Mundwinkel dehnten sich nach oben in Richtung Augen, denn obwohl ich die Augen noch immer geschlossen hatte wusste ich, dass er mich ansah. Ich wusste auch, dass er mich nicht erst seit meinem Seufzer ansah sondern schon ein Weilchen, eine kleine Ewigkeit.

Ich mag es nicht, wenn man mich lange ansieht. Je länger man hinsieht umso mehr Zeit hat man, etwas genau und detailliert zu beobachten und zu erkennen. Ich spreche von äusserlichen Makel, von der krummen Nase zum Beispiel, die man nur erkennt, wenn man genau hinsieht. Und obwohl ich mich anderen schnell öffne, oftmals zu schnell, macht es mich nervös. Nein, es stört mich, wenn ich fühle, wie mich jemand so genau betrachtet! Aus diesem Grund biete ich anderen auch nie die Gelegenheit, mich so genau zu beobachten. Oder zumindest versuche ich aus diesem Grund nie zu lange in derselben Pose zu verharren.


Aber bei ihm machte es mir nichts aus. Ich hatte das Gefühl, mich ihm so zeigen zu können, wie ich wirklich bin. Auf mein Äusseres bezogen. Ich schämte mich nicht für verschmierte Schminke unter meinen Augen, für nicht gezupfte Augenbrauenhärchen oder die ein oder andere Unreinheit meiner Haut. Ich weiss heute noch nicht, an was das lag.


Ich drehte mich auf meinen Rücken und öffnete meine Augen.


Genau an dieser Stelle, in diesem Augenblick, als ich soeben mit dem Setzen des Punktes meinen letzten Satz beendet habe, frage ich mich: War nicht genau diese unbewusste Geste damals die Bestätigung dafür, dass er nicht DER Mann sein konnte für mich? Ich frage dich, lieber Leser: kannst du dich an eine Situation in deinem Leben erinnern, in welcher du dir lieber die Decke eines Raumes anstatt das Gesicht des Mannes oder der Frau neben dir angesehen hättest? Ja, nach einem One-Night-Stand vielleicht, weil dir der Mann oder die Frau neben dir höchstwahrscheinlich völlig fremd war, du einfach Sex wolltest und nicht an die grosse Liebe dachtest! Okay, ich dachte auch nicht wirklich an die grosse Liebe aber ich dachte zumindest, ich sei verliebt. Auf jeden Fall wäre das in meinen Augen der einzig wahre Grund gewesen, warum ich meinen Freund betrog.


„Simple as it should be“ von Tristan Prettyman gehört ebenfalls zu den Liedern, die mich an ihn erinnern. Damals versuchte er mir klarzumachen, dass alles einfach wäre, simple eben – doch das war es nicht. Ich höre mir das Lied an und erinnere mich. Ich sehe mich, wie ich vor meinem Bildschirm sitze, ein Bein auf dem Stuhl, wie bei einem Schneidersitz, meine Finger in 10-Finger-System-Postition auf der Tastatur liegend. Wir kommunizierten über MSN (ein Chatprogramm, für die, die nicht wissen was MSN ist – und diejenigen, die nicht wissen was ein „Chatprogramm“ ist… fragt eure Kinder). Er schickte mir andauernd Lieder, seit wir uns kennengelernt hatten. Anfangs waren es grösstenteils Lieder, die mir, seiner Meinung nach, gefallen würden. Später, als sich zwischen uns etwas entwickelt hatte, waren es vielmehr die Inhalte, die Songtexte, auf die er mich aufmerksam machen wollte – und machte. Wir fingen an, über Songtexte miteinander zu kommunizieren indem wir uns gegenseitig Zitate zuschickten. Zitate wie eben zum Beispiel „Simple as it should be“.

Und ich höre mir das Lied ein weiteres Mal an. Ich muss schmunzeln. Hatte ich doch meinem lieben Freund Clemens vor einer Woche von meinem Plan, ein Buch zu schreiben erzählt, in welchem ich mein Leben schildern wollte. Nein keine Biografie, ich bin doch erst zwanzig Jahre alt! Zumindest einige Aspekte davon. Genauer: einige Aspekte, Situationen und Erfahrungen, verbunden mit den Gefühlen, Ängsten, Fragen und Gedanken, die ich hatte und teilweise immer noch habe. Ich wollte ein Buch schreiben, in welchem ich meine Wandlung zeige, die ich in den Jahren seit meinem 13. Geburtstag durchgemacht habe. Ich weiss, es hört sich absolut bescheuert an: „meine Wandlung, die ich durchgemacht habe“. Aber ich muss es schreiben! Ich habe seit einiger Zeit das starke Bedürfnis, meine Erfahrungen und Gedanken niederzuschreiben. Es geht mir nicht darum, dir lieber Leser damit zu helfen oder der Welt mein Leben zu präsentieren. Und obwohl ich einmal dachte, dass meine Worte jemandem helfen könnten, der ähnlich empfindet wie ich geht es mir hauptsächlich darum, dieses Bedürfnis anzunehmen und einfach das zu schreiben, was ich schreiben muss. Doch vielleicht wird es dir doch irgendwie eine kleine Hilfe oder eine Antwort auf eine Frage sein…

Ich sagte ich muss schmunzeln und zwar aus dem Grund weil ich mir den Anfang meines Buches anders vorgestellt hatte. Und weil ich es mit dem Mann beginnt, mit welchem ich zeitlich gesehen am wenigsten lang Kontakt hatte."

 
 
 

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